Verena Loewensberg (1912–1986)
Ohne Titel
, 1981
Öl auf Leinwand, 60 x 60 cm


Der Kreis der Zürcher Konkreten umfasste Max Bill, Richard Paul Lohse, Camille Graeser und Verena Loewensberg. Sie selbst bezeichnete ihre Bildsprache in Anlehnung an Georges Vantongerloo als «konstruktiv» und nicht als «konkret». Der Erfolg der Zürcher Konkreten nach 1950 war vor allem Max Bill zu verdanken, der als Künstler, Architekt und Theoretiker seit den 1930er-Jahren ein internationales Netzwerk mit gleichgesinnten modernen Künstlern aufgebaut hatte und auch während des Zweiten Weltkriegs darum bemüht war, diese Kontakte nicht abbrechen zu lassen. Die Zürcher Konkreten zählen zu den wenigen Künstlern ihrer Generation, die innerhalb der Schweizer Kunst die durch den Krieg in ihrer Entfaltung bedrohte ungegenständliche Kunst weiterführten und somit an die internationale Moderne glaubten. Max Bill war es auch, der Verena Loewensberg förderte und ihr Schaffen in Ausstellungen der Schweizer Modernen zeigte.

Wie viele Frauen ihrer Generation fand Verena Loewensberg als Autodidaktin zur Malerei. Das Studium an der Allgemeinen Gewerbeschule in Basel (Weben, Sticken, Entwerfen, Farbenlehre) brach sie ab. Es folgte eine Lehre bei der Weberin Martha Guggenbühl. Die Ausbildung in Tanz und Choreografie bei Trudi Schoop in Zürich beendete sie ebenfalls vorzeitig. 1932 heiratete sie den Ausstellungs- und Produktgestalter Hans Coray. Im Unterschied zu Lohse und Bill hat Loewensberg mit ihrem malerischen Werk kein Programm verbunden. Kein Programm, das hiess in ihrem Fall auch, dass die Künstlerin in ihrem Schaffen nach der Pionierzeit der Konkreten empfänglich blieb für neue Entwicklungen der ungegenständlichen Malerei. Ihr Werk ist offener angelegt, als dasjenige ihrer Kollegen. Dies ist, je nach Standpunkt, ihre Stärke oder ihre Schwäche. In ihrem malerischen Werk spielen Farbe, Rhythmus, Bewegung und Klang entscheidende Rollen. Wie Mondrian, der in seinen letzten, im New Yorker Exil geschaffenen Bildern seine Begegnung mit dem Jazz begeistert verarbeitete, war auch für Loewensberg der Jazz von grosser Bedeutung. Es ist mehr als eine Anekdote, dass die Künstlerin 1964-70 in Zürich das Schallplattengeschäft «City Discount» betrieb, wo Platten zu haben waren, die anderswo erst noch bestellt werden mussten.

Verena Loewensberg malte als einzige ihres Kreises zeitlebens mit Ölfarbe. Die in Zeichnungen vorbereiteten und mit Sorgfalt auch von ihr selbst ausgeführten Gemälde folgen keiner bestimmten Entwicklungslogik. Kennzeichnend für ihr Werk sind dynamische Gemälde, die das Bildzentrum betonen und die Bildfläche rhythmisieren. Es gibt langsame und schnelle, laute und stille Bilder in ihrem Werk. Die farbigen Quadrate auf dem Gemälde aus unserer Sammlung erscheinen, als ob sie eben in Bewegung versetzt worden wären und dabei kaum merklich aus dem optischen Zentrum des Bildes weggleiten würden.

Roman Kurzmeyer, 2014


[close]